Archiv für den Monat: März 2013

Der Zentralkanal: Sushumna Nadi – Chong Mai

Die „Axis Mundi“ des Körpers

Dieser Text ist größtenteils inspiriert durch Elizabeth Reningers Artikel „Sushumna Nadi – Chong Mai„.

Der Sushumna Nadi, die Weltachse des Körpers – im Taoistischen System auch als Chong Mai bzw. Durchdringungsgefäß bekannt – ist wahrscheinlich das wichtigste der Acht Außergewöhnlichen Gefäße, die gemeinsam das ursprüngliche energetische Regulationssystem formen.

Der Sushumna / Chong verläuft ein wenig vor der Wirbelsäule, vom Beckenboden zum Scheitelpunkt. [Anm.: In manchen klassischen Texten wird der Verlauf des Chongs unterschiedlich beschrieben.]


Abb. Torus

Der Sushumna / Chong nimmt in der energetischen Matrix, innerhalb derer der leibliche Körper erscheint, die Mitte eines „Torus“-artigen Energiekörpers ein. Er umschließt den physischen Leib, wie das Ei das Küken oder die Gebärmutter den Embryo. Der aufwärtsgerichtete fontänenartige Energiestrom des Sushumnas öffnet sich im Scheitel des Kopfes (wie ein „tausendblütiger Lotus“) – bevor er (in einem 360°-Bogen) hinabfällt um sich mit seiner Wurzel (dem Beckenboden) wiederzuvereinigen. Dort beginnt der Zyklus von vorn.

Während die Zwölf Hauptmeridiane Kanäle sind, in denen die Lebensenergie (qi/Ki) zirkuliert, welches mit unserer alltäglichen dualistischen Raum-/Zeiterfahrung assoziiert wird, transportiert der Sushumna Nadi nichtduale Energie unseres vorgeburtlichen Bewusstseins: eine raffinierte, gereinigte, pränatale Form des qi.

In der tibetisch-yogischen Tradition wird das Licht oder die Energie, die durch den zentralen Kanal fließt, „Atem der Weisheit“ genannt. Es wird vermutet, dass dieses Licht mit den sehr subtilen Geistformen (welche in der Lage sind, das Raum-Zeit-Kontinuum zu überwinden und weder dual noch konzeptuell sind) korrespondiert.

Zitat von Elizabeth Reninger: „Die dritte Ebene des Geistes wird die außergewöhnliche Ebene genannt – die entwicklungsgeschichtlich bereits vor der körperlichen Raum-Zeit-Matrix existierte. Innerhalb dieser sehr subtilen Schicht – und das kann in der Meditation wahrgenommen werden – sind die verschiedenen karmischen Tendenzen, sog. „Samen“ – die die tiefste Ebene der „transpersonalen“ Konditionierung ausmachen – angelegt. Sie werden mit der „Geburt“ in ein bestimmtes Raum-Zeit-Gefüge transportiert.“

(Einige behaupten, dass dieser „sehr subtile Geist“ – und die dazugehörige „Energie“ des Sushumna Nadi – eine energetische Entsprechung dessen sei, was in der westlichen Wissenschaft als „genetische Prägung“ bezeichnet wird.)

In der taoistischen Yoga-Praxis (Qigong, Taiji usw.) sollte der Sushumna Nadi bzw. der Chong Mai besser als Pforte anstatt als Ziel betrachtet werden. Sich des [eigenen] Flusses im „Zentralkanal“ gewahr zu werden kann ein Mittel zur Überwindung jeglicher dualistischer Identifikation sein, einschließlich der Identifikation mit einem bestimmten physischen Körper, innerhalb eines spezifischen Abschnitts im Raum-Zeit-Kontinuum! Aber das „funktioniert“ nur, wenn wir irgendwann – nachdem die Vorstellungsbarrieren ihren Zweck erfüllt haben – die Idee von einem „Zentralkanal“ innerhalb unseres Körpers auflösen können. Ansonsten wird der Sushumana Nadi einfach zu einer subtilen Verdinglichung unseres Selbstbildes; er entwickelt sich dann zu einer separaten, permanenten „Form“.

Thinley Norbu, in White Sail, schreibt dazu: „Der Atem der Weisheit wird nicht begrenzt durch körperliche Form, aber da die Energie der Praktizierenden karmisch geprägt ist und sie selbst an Formen gewöhnt sind, stellt man sich den Zentralkanal im Allgemeinen als Pfeilschaft vor.“

Also: Erarbeiten wir uns zunächst das Bild des „Zentralkanals“ inmitten unseres physischen Leibs (der ebenfalls „projiziert“ ist). Da es zwischen den Eigenschaften des subtilen Körpers und denen des Nervensystems einen Zusammenhang gibt, ist dies ein geeignetes Mittel, um nichtduales Bewusstsein zu erwecken.

Zitat von Elizabeth Reninger: „Sobald die Visualisierung ihren Zweck erfüllt hat, findet die Übung schließlich ihre Vollendung in der Auflösung des vorgestellten „Zentralkanals“ und der „physischen Form“ – welche als erste Bezugspunkte dienten. Sie hinterlässt uns das gesamte, auf unseren „Köper“ projizierte „Universum“. Alle Erscheinungen entstehen durch uns, im Verständnis dessen, wer wir sind; sie sind nicht getrennt durch „selbst“ und „andere“. Solche Kategorien wiederum sind nur durch die physische Form bedingt sind.

Und dann kehrt die Trennung (in das Scheinbare „selbst“ und das „andere“) wieder zurück – aber in einer mehr transparenten, spielerischen Weise: als Tanz der immerfort währenden Umwandlung von Yin und Yang, von diesem zu jenem … Vielleicht ist es einfach Spiel, eine Art kosmisches Theater; damit nicht alles allzu ernst genommen wird …“

Die Nachtkrise: Lunge oder Leber?

„Empty Qi is anger, stagnant Qi is grief!“ (Leeres Qi verursacht Wut, sich anhäufendes Qi wird zu Trauer!“) Mit diesem Zitat wird auf die Funktion der Lungen angespielt, als Speicher für das Qi.

Wenn die Energie im Funktionskreis Lunge stagniert, sie sich dort ansammelt und nicht weiterfließt, dann verursacht das Trauergefühle. Der Gegenspieler der Lunge ist die Leber. Ist das Lungen-Qi zu schwach wird das Leber-Qi im Verhältnis sehr stark. Als Folge dessen kann der Betroffene sehr gereizt sein!

Um diese Logik zu begreifen sollten Sie wissen, dass es in der Algebra der Akupunktur jeweils zwei Gegenspielerpaare gibt: das Herz und die Nieren (Feuer und Wasser) und die Lungen und die Leber (Metall und Holz). Stellen Sie sich eine Wippe vor: auf der einen Seite stellvertretend das Qi der Lungen, auf der anderen das der Leber: Wird die eine Seite zu leicht (bzw. zu schwach), wird die andere (zu) stark.

Die Nachtkrise

Jeder Funktionskreis kennt einen Zeitraum am Tag, an dem er seinen energetischen Höhepunkt hat. Dieser Zeitraum liegt bei der Lunge zwischen drei und fünf Uhr morgens, bei der Leber zwischen ein und drei Uhr nachts. Die sogenannte „Organuhr“ beginnt mit dem Lungen-Funktionskreis und endet mit dem der Leber. Dazwischen ist ein kritischer Moment, die Nachtkrise.

Lunge oder Leber?

Worauf ich hinauswollte: Im Allgemeinen gilt natürlich der Grundsatz, dass eine Erkältungskrankheit eine Leere des Lungenmeridians zur Ursache hat. Behandelt wird dies mit einer kräftigenden Nadelung des Lungenmeridians und häufig mit einer sedierenden Technik des Meridians der Leber.

Nun kann es aber sein, dass die Erkrankung persistiert, also bereits längere Zeit andauert. Ich habe beobachtet, dass sich die Verhältnisse dann ändern. Zumindest der Funktionskreis der Leber wird auf Dauer mit geschwächt. Ich denke es kann sogar so weit gehen, dass sich das Muster komplett umkehrt: Statt einer Leere im Lungenmeridian liegt dann ein böswilliger Einfluss im Funktionskreis Lunge vor.

Die Behandlung ist jetzt eine ganz andere! Jetzt muss das Qi des Leber-Funktionskreises gekräftigt und der schädigende Einfluss aus der Lunge gezogen werden.

Anatomie

Der Lebermeridian verläuft (als Paar) – vom großen Zeh ausgehend – die Innenseite der Beine entlang, kreuzt die Leisten und geht entlang der Flanken in den Rumpf über. Der Lungenmeridian beginnt unterhalb des Schlüsselbeins zieht über die Innenseite des Arms, endet im Daumen.

Wenn der Lebermeridian voller Kraft steckt, dann bildet er die Basis für die Bewegungen des Oberkörpers. Ein gesunder Lebermeridian zeigt sich in der Öffnung der Brust und der Ästhetik der Muskelzeichnung. Die Schultern können ganz entspannt auf der Brust aufliegen, müssen nicht gehalten werden. Somit ist ein gesunder Lebermeridian Voraussetzung für eine starke Lunge.

Der Stand

Dieser Ansatz entstammt den japanischen Kampkünsten, dem Budo. Dies zeigt sich in den Grundstellungen. Im Shiko – und im Kiba dachi vor allem aber im Sanchin dachi werden die Oberschenkelinnenseiten gestärkt. Es heißt auch: „Halte Spannung in Deiner Unteren Schleuse, sodass Oberkörper und Schulter leicht und entspannt bleiben können.“ Diese Spannung wird als ein „Ziehen“ wahrgenommen.

Mein Lehrer hat immer auch den Wert des Lebermeridians betont. Wohl auch, weil sein Verständnis aus den Kampfkünsten herrührt. Es heißt auch, dass die Kraft in die Richtung der Großzehenballe zentriert werden soll um einen kräftigen Stand zu entwickeln.

Mit einer solch stabilen Basis wird eine Art natürliche Grundspannung in den tiefsten Muskelschichten gewährleistet. Die Zwerchfellschenkel können sich weit heben und senken. Die Atembewegung erhält eine solide Basis. Und mit ihr steigt selbstverständlich auch das Energieniveau des Funktionskreises Lunge an.