Die Nachtkrise: Lunge oder Leber?

„Empty Qi is anger, stagnant Qi is grief!“ (Leeres Qi verursacht Wut, sich anhäufendes Qi wird zu Trauer!“) Mit diesem Zitat wird auf die Funktion der Lungen angespielt, als Speicher für das Qi.

Wenn die Energie im Funktionskreis Lunge stagniert, sie sich dort ansammelt und nicht weiterfließt, dann verursacht das Trauergefühle. Der Gegenspieler der Lunge ist die Leber. Ist das Lungen-Qi zu schwach wird das Leber-Qi im Verhältnis sehr stark. Als Folge dessen kann der Betroffene sehr gereizt sein!

Um diese Logik zu begreifen sollten Sie wissen, dass es in der Algebra der Akupunktur jeweils zwei Gegenspielerpaare gibt: das Herz und die Nieren (Feuer und Wasser) und die Lungen und die Leber (Metall und Holz). Stellen Sie sich eine Wippe vor: auf der einen Seite stellvertretend das Qi der Lungen, auf der anderen das der Leber: Wird die eine Seite zu leicht (bzw. zu schwach), wird die andere (zu) stark.

Die Nachtkrise

Jeder Funktionskreis kennt einen Zeitraum am Tag, an dem er seinen energetischen Höhepunkt hat. Dieser Zeitraum liegt bei der Lunge zwischen drei und fünf Uhr morgens, bei der Leber zwischen ein und drei Uhr nachts. Die sogenannte „Organuhr“ beginnt mit dem Lungen-Funktionskreis und endet mit dem der Leber. Dazwischen ist ein kritischer Moment, die Nachtkrise.

Lunge oder Leber?

Worauf ich hinauswollte: Im Allgemeinen gilt natürlich der Grundsatz, dass eine Erkältungskrankheit eine Leere des Lungenmeridians zur Ursache hat. Behandelt wird dies mit einer kräftigenden Nadelung des Lungenmeridians und häufig mit einer sedierenden Technik des Meridians der Leber.

Nun kann es aber sein, dass die Erkrankung persistiert, also bereits längere Zeit andauert. Ich habe beobachtet, dass sich die Verhältnisse dann ändern. Zumindest der Funktionskreis der Leber wird auf Dauer mit geschwächt. Ich denke es kann sogar so weit gehen, dass sich das Muster komplett umkehrt: Statt einer Leere im Lungenmeridian liegt dann ein böswilliger Einfluss im Funktionskreis Lunge vor.

Die Behandlung ist jetzt eine ganz andere! Jetzt muss das Qi des Leber-Funktionskreises gekräftigt und der schädigende Einfluss aus der Lunge gezogen werden.

Anatomie

Der Lebermeridian verläuft (als Paar) – vom großen Zeh ausgehend – die Innenseite der Beine entlang, kreuzt die Leisten und geht entlang der Flanken in den Rumpf über. Der Lungenmeridian beginnt unterhalb des Schlüsselbeins zieht über die Innenseite des Arms, endet im Daumen.

Wenn der Lebermeridian voller Kraft steckt, dann bildet er die Basis für die Bewegungen des Oberkörpers. Ein gesunder Lebermeridian zeigt sich in der Öffnung der Brust und der Ästhetik der Muskelzeichnung. Die Schultern können ganz entspannt auf der Brust aufliegen, müssen nicht gehalten werden. Somit ist ein gesunder Lebermeridian Voraussetzung für eine starke Lunge.

Der Stand

Dieser Ansatz entstammt den japanischen Kampkünsten, dem Budo. Dies zeigt sich in den Grundstellungen. Im Shiko – und im Kiba dachi vor allem aber im Sanchin dachi werden die Oberschenkelinnenseiten gestärkt. Es heißt auch: „Halte Spannung in Deiner Unteren Schleuse, sodass Oberkörper und Schulter leicht und entspannt bleiben können.“ Diese Spannung wird als ein „Ziehen“ wahrgenommen.

Mein Lehrer hat immer auch den Wert des Lebermeridians betont. Wohl auch, weil sein Verständnis aus den Kampfkünsten herrührt. Es heißt auch, dass die Kraft in die Richtung der Großzehenballe zentriert werden soll um einen kräftigen Stand zu entwickeln.

Mit einer solch stabilen Basis wird eine Art natürliche Grundspannung in den tiefsten Muskelschichten gewährleistet. Die Zwerchfellschenkel können sich weit heben und senken. Die Atembewegung erhält eine solide Basis. Und mit ihr steigt selbstverständlich auch das Energieniveau des Funktionskreises Lunge an.

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