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Der Chong Mai wird manchen Texten zufolge mit der Gebärmutter assoziiert. Er ist eine Art energetische Nabelschnur, die eine Verbindung mit den Ahnen beibehält. Die Assoziation mit dem Funktionskreis der Leber kommt auf, da die Leber nach fernöstlicher Auffassung Verbindung zur Wanderseele ‚Hun‘ hat.

Der Zentralkanal: Sushumna Nadi – Chong Mai

Die „Axis Mundi“ des Körpers

Dieser Text ist größtenteils inspiriert durch Elizabeth Reningers Artikel „Sushumna Nadi – Chong Mai„.

Der Sushumna Nadi, die Weltachse des Körpers – im Taoistischen System auch als Chong Mai bzw. Durchdringungsgefäß bekannt – ist wahrscheinlich das wichtigste der Acht Außergewöhnlichen Gefäße, die gemeinsam das ursprüngliche energetische Regulationssystem formen.

Der Sushumna / Chong verläuft ein wenig vor der Wirbelsäule, vom Beckenboden zum Scheitelpunkt. [Anm.: In manchen klassischen Texten wird der Verlauf des Chongs unterschiedlich beschrieben.]


Abb. Torus

Der Sushumna / Chong nimmt in der energetischen Matrix, innerhalb derer der leibliche Körper erscheint, die Mitte eines „Torus“-artigen Energiekörpers ein. Er umschließt den physischen Leib, wie das Ei das Küken oder die Gebärmutter den Embryo. Der aufwärtsgerichtete fontänenartige Energiestrom des Sushumnas öffnet sich im Scheitel des Kopfes (wie ein „tausendblütiger Lotus“) – bevor er (in einem 360°-Bogen) hinabfällt um sich mit seiner Wurzel (dem Beckenboden) wiederzuvereinigen. Dort beginnt der Zyklus von vorn.

Während die Zwölf Hauptmeridiane Kanäle sind, in denen die Lebensenergie (qi/Ki) zirkuliert, welches mit unserer alltäglichen dualistischen Raum-/Zeiterfahrung assoziiert wird, transportiert der Sushumna Nadi nichtduale Energie unseres vorgeburtlichen Bewusstseins: eine raffinierte, gereinigte, pränatale Form des qi.

In der tibetisch-yogischen Tradition wird das Licht oder die Energie, die durch den zentralen Kanal fließt, „Atem der Weisheit“ genannt. Es wird vermutet, dass dieses Licht mit den sehr subtilen Geistformen (welche in der Lage sind, das Raum-Zeit-Kontinuum zu überwinden und weder dual noch konzeptuell sind) korrespondiert.

Zitat von Elizabeth Reninger: „Die dritte Ebene des Geistes wird die außergewöhnliche Ebene genannt – die entwicklungsgeschichtlich bereits vor der körperlichen Raum-Zeit-Matrix existierte. Innerhalb dieser sehr subtilen Schicht – und das kann in der Meditation wahrgenommen werden – sind die verschiedenen karmischen Tendenzen, sog. „Samen“ – die die tiefste Ebene der „transpersonalen“ Konditionierung ausmachen – angelegt. Sie werden mit der „Geburt“ in ein bestimmtes Raum-Zeit-Gefüge transportiert.“

(Einige behaupten, dass dieser „sehr subtile Geist“ – und die dazugehörige „Energie“ des Sushumna Nadi – eine energetische Entsprechung dessen sei, was in der westlichen Wissenschaft als „genetische Prägung“ bezeichnet wird.)

In der taoistischen Yoga-Praxis (Qigong, Taiji usw.) sollte der Sushumna Nadi bzw. der Chong Mai besser als Pforte anstatt als Ziel betrachtet werden. Sich des [eigenen] Flusses im „Zentralkanal“ gewahr zu werden kann ein Mittel zur Überwindung jeglicher dualistischer Identifikation sein, einschließlich der Identifikation mit einem bestimmten physischen Körper, innerhalb eines spezifischen Abschnitts im Raum-Zeit-Kontinuum! Aber das „funktioniert“ nur, wenn wir irgendwann – nachdem die Vorstellungsbarrieren ihren Zweck erfüllt haben – die Idee von einem „Zentralkanal“ innerhalb unseres Körpers auflösen können. Ansonsten wird der Sushumana Nadi einfach zu einer subtilen Verdinglichung unseres Selbstbildes; er entwickelt sich dann zu einer separaten, permanenten „Form“.

Thinley Norbu, in White Sail, schreibt dazu: „Der Atem der Weisheit wird nicht begrenzt durch körperliche Form, aber da die Energie der Praktizierenden karmisch geprägt ist und sie selbst an Formen gewöhnt sind, stellt man sich den Zentralkanal im Allgemeinen als Pfeilschaft vor.“

Also: Erarbeiten wir uns zunächst das Bild des „Zentralkanals“ inmitten unseres physischen Leibs (der ebenfalls „projiziert“ ist). Da es zwischen den Eigenschaften des subtilen Körpers und denen des Nervensystems einen Zusammenhang gibt, ist dies ein geeignetes Mittel, um nichtduales Bewusstsein zu erwecken.

Zitat von Elizabeth Reninger: „Sobald die Visualisierung ihren Zweck erfüllt hat, findet die Übung schließlich ihre Vollendung in der Auflösung des vorgestellten „Zentralkanals“ und der „physischen Form“ – welche als erste Bezugspunkte dienten. Sie hinterlässt uns das gesamte, auf unseren „Köper“ projizierte „Universum“. Alle Erscheinungen entstehen durch uns, im Verständnis dessen, wer wir sind; sie sind nicht getrennt durch „selbst“ und „andere“. Solche Kategorien wiederum sind nur durch die physische Form bedingt sind.

Und dann kehrt die Trennung (in das Scheinbare „selbst“ und das „andere“) wieder zurück – aber in einer mehr transparenten, spielerischen Weise: als Tanz der immerfort währenden Umwandlung von Yin und Yang, von diesem zu jenem … Vielleicht ist es einfach Spiel, eine Art kosmisches Theater; damit nicht alles allzu ernst genommen wird …“

Der Lebermeridian

Von der großen Zehe ausgehend zieht der Lebermeridian über das Schienbein zum Knie, passiert es vor dem Gänsefüßchen, verläuft entlang der Adduktoren zur Leiste. Dort kreuzt er den Magenmeridian und vereinigt sich mit dem Konzeptionsgefäß.

In der Mittellinie steigt er weiter auf, passiert den Magen, die Speiseröhre und endet schließlich im Kranium. Er öffnet sich in den Augen und im Scheitelpunkt. Hier verbindet er sich auch mit dem Lenkergefäß. Dessen Ki, das mit dem Liquor hinabsteigt, vereinigt sich im Beckenbereich erneut mit dem des Lebermeridians.

Auf Höhe des Schlüsselbeins gibt er in Magen 12 erneut einen Ast ab. Dieser steigt durch die Brust hinab, passiert das Zwerchfell und die Leber selbst. Hier umwickelt es das Organ. Auf Höhe der Spitze der elften Rippe geht er weiter hinab, um sich in Magen 30 mit dem Konzeptions- und dem Lenkergefäß zu vereinigen..

Was für eine Funktion hat der Funktionskreis Leber?

Der Funktionskreis Leber übernimmt eine vermittelnde Funktion, zwischen Ki und Blut. Es speichert Blut und gibt es an die Sehnen weiter. Blut Stasen werden deshalb immer im Zusammenhang mit diesem Funktionskreis behandelt.

Seine Kraft wird als Potenz bezeichnet. Seine Leitbahnsehne zu kräftigen wirkt sich nach fernöstlicher Auffassung auf die Sexualkraft aus. Aber seine Kraft hat auch Einfluss auf die gesamte körperliche Verfassung.

In letzter Zeit übe ich regelmäßig Naikan-ho, eine Art Kraft-Atemübung. Ich habe sie in meinem vorherigen Blogbeitrag und im Zusammenhang mit dem Schlüsselbein bereits beschrieben.

Ich merke, wie diese Übung genau auf diesen Meridian wirkt. Ich spüre, wie sich dabei die Kraft in der Mitte zentriert. Wenn ich die Beschreibung des Meridianverlaufs visualisiere, dann bemerke ich, wie sich das Ki beim Einatmen im Zwerchfellbereich sammelt und sich der Rücken öffnet. Beim Ausatmen kehrt das Ki in den Unterbauch zurück. Es sammelt sich im Becken und Leistenbereich.

Bei der nächsten Atmung steigt es – von den Füßen ausgehend – wieder aufwärts. Es entsteht ein Kreislauf. Und mit jedem Atemzug sammelt sich mehr Ki in der Mittelebene.